Warum LNG aus Westafrika Europas Gaszukunft retten kann

Wenn du die letzen 6 Monate nicht auf dem Mars verbracht hast, müsstest du über die aktuelle Energiekrise in Europa zumindest oberflächlich im Bilde sein. Ich weiß, ist nicht sehr interessant immer wieder die selben Nachrichten zu hören. Das Gas soll uns abgedreht werden, weil in der Ukraine …, ach ja und Putin …, und außerdem wäre da noch, ….

Alles wichtig und alles wahr, aber darüber habe ich in anderen Artikeln schon geschrieben. Egal wie langweilig die Sache auf den ersten Blick scheint, spätestens wenn im Winter das Gas knapp wird, dürfte das Interesse ein wenig gesteigert sein. Nicht weil uns kalt sein wird – um das zu vermeiden gibt es Mechanismen und die funktionieren auch – wenn auch für viel Geld. Wesentlich wichtiger ist, was mit der Wirtschaft passiert von deren Wohlergehen ja auch unsere Jobs abhängen.

Heizen oder essen, das ist die Frage ...

Heizen oder essen, das ist die Frage …

Und die Wirtschaft leidet nicht nur unter der Ukraine Situation sondern ganz allgemein unter den hohen Energiepreisen. Je weiter das Jahr 2014 vorrückt, werden wir uns bewusst, dass das mit dem Wachstum dieses Jahr wohl nichts mehr werden wird. Und langsam bedrückt uns auch schon das sehr ungute Gefühl, dass es mit der 10 bis 15 Jahre langen wirtschaftlichen Talfahrt vielleicht doch nicht so weit hergeholt ist. Wir stecken fest in einer Rezession. Wenn trotz aller Schummeleien die Zahlen nicht mehr besser werden wollen, dann weiß ich das und wir wissen es auch alle.

Teure Energie ist nicht der einzige Schuldige an dieser Situation, aber es gießt Öl ins lodernde Feuer.

Doch zurück zur Gaskrise. Welche Fragen stellen sich, wenn man sich wirklich auf eine wahrscheinliche Unterbrechung der Gasversorgung aus Russland vorbereiten möchte?

Beginnen wir mit der fundamentalsten aller Fragen – wollen wir überhaupt noch Erdgas als gewichtigen Teil unserer Gasversorgung in Europa? Immerhin hat die größte Wirtschaft des Kontinents, Deutschland, die Energiewende eingeläutet und da ist es immerhin das Ziel aus den fossilen Energien auszusteigen. Das gilt natürlich auch für das fossile Erdgas.

Dass dies aber nicht sehr einfach ist, haben die Deutschen bereits selber gemerkt. Der Umstieg ist technisch sehr aufwendig, weil vor allem das Netz vollkommen inadäquat für die extremen Belastungen von nicht verlässlichen Energiequellen wie Wind und Sonne ist. Der dazu erforderliche Netzausbau macht diese sogenannten sauberen Energieformen noch wesentlich teurer als sie ohnehin schon sind. Aber dazu sind schon Bücher geschrieben worden.

Dazu kommt noch, dass trotz aller Bemühungen in einer wirtschaftlich starken Nation wie Deutschland heute fossile Energieträger immer noch unerlässlich sind, weil eben nur diese – und bedingt auch die Wasserkraft – Strom dann produziert, wenn er auch wirklich gebraucht wird und nicht nur dann, wenn es der Wettergott gut mit uns meint. Paradoxerweise wird heute mehr Strom denn je mit Kohle produziert als jemals zuvor, weil diese so billig geworden ist. Und im Vergleich zu Abgasen aus der Verbrennung von Kohle sind Erdgasabgase ein laues Lüftchen.

Aber am Wichtigsten ist vor allem, dass es zwar Konzepte gibt wie man die Mobilität auf Elektrizität umstellen kann, aber das funktioniert gerade einmal so la la bei kleinen und mittleren Fahrzeugen. Beim nicht schienengebundenen Schwerverkehr geht Strom gar nicht mehr, weil die Dimension einfach nicht reicht und auch die Fahrzeuge unbezahlbar teuer wären. Zumal ist der Tankvorgang endlos langwierig. Aber alles das wurde schon zum Erbrechen in anderen Artikeln zerlegt.

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Gut, aber ungenügend …

Fossile Brennstoffe werden wir also so schnell nicht loswerden und Erdgas ist noch bei weitem der sauberste und freundlichste von allen. Vor allem ist Erdgas auf jeder Stufe der Energienutzung technisch vollkommen ausgereift und braucht keinerlei Weiterentwicklung, um sofort eingesetzt zu werden.

OK, wir wollen also weiter Erdgas. Dann müssen wir ersetzen, was wir aus Russland möglicherweise nicht mehr bekommen.

Biogas ist noch nicht soweit und braucht sehr viel Forschung und technische Entwicklung um damit ganze Nationalökonomien zu versorgen. Bleiben noch die Schiefergasvorräte Europas, wenn wir aus eigenen Kräften vom Russenknebel loskommen wollen. Ich bin zwar ein großer Schiefergas Fan und weiß auch, dass das komplette Thema mit einer unglaublichen Masse an Unverständnis und Missinformation behaftet ist, aber dieses Pferd habe ich schon einem anderen Artikel zu Tode geprügelt also lass ich jetzt davon ab.

Wenn wir also auch kein Schiefergas wollen und nicht genug Biogas generieren können, bleibt nur noch der Import.

Pipelines aus dem Mittleren Osten oder Nordafrika funktionieren nicht, weil entweder zu teuer oder die ehemaligen Exporteure brauchen langsam ihr Gas selbst und haben nichts mehr für Europa übrig. Der Mittlere Osten ist zum Markt geworden, weshalb die Mengen auch dort bleiben. Nordafrika ist an der Grenze der Belastbarkeit und in Norwegen sind auch keine gewaltigen Neumengen zu erwarten.

Bleibt LNG. Ich räume gleich einmal mit dem Vorurteil auf, dass die USA LNG aus Schiefergas nach Europa liefern würden. Es ist einfach zu teuer, aber auch dazu mehr in einem anderen Artikel.

Doch es gibt eine Weltgegend in der es immer noch sehr viel ungenutztes Gas gibt, das man technisch einfach nach Europa bringen könnte. Auch ist diese Gegend nicht so weit weg, dass uns der Transportpreis erschlagen würde. Ladies and Gentlemen – I am proud to present West Africa.

Ja, ich weiß schon was jetzt kommt. Ebola Land. Aber bleiben wir doch bei den Energiethemen. Ebola überträgt sich nicht durch LNG (Öl, oder was auch immer sonst in der Energieindustrie zum Einsatz kommt).

Zurück zum Ernsthaften.

In Westafrika werden ungeheure Mengen an Erdgas abgefackelt. Fackelgas ist Erdgas, das bei der Ölproduktion mit hochkommt und dann nicht weiterverwendet werden kann. Verbrannt wird es, weil Methan in der Atmosphäre noch ein wesentlich potenteres Treibhausgas als CO2 ist, aber ideal ist diese Praxis nicht. Mit dem Gas werden nämlich noch eine Unzahl anderer Elemente die mit dem Gas aufsteigen – einige davon sind sehr giftig – in die Atmosphäre geschleudert.

Heizt toll, aber am falschen Platz ...

Heizt toll, aber am falschen Platz …

Westafrika ist übrigens nicht die einzige Region der Welt wo Gas abgefackelt wird (Russland ist der größte Sünder), aber nur in Afrika sind die großen Mengen entweder nahe am Wasser oder gar im Wasser selbst, weshalb sie sich gut zur LNG Produktion eignen weil sie von dort einfach mit einem Schiff abtransportiert werden können.

Damit sich das auszahlt, müsste man das Gas sammeln und dann in einer großen Anlage zu LNG verarbeiten oder aber man verflüssigt das Gas in mehreren mittelgroßen Anlagen und sammelt dann das LNG in einem Hub. Das funktioniert dann etwa so wie bei einem großen Hub-Flughafen der als Knotenpunkt für viele kleinere umliegende Regionalflughäfen fungiert. Kleine Flieger bringen Passagiere von und zum Hub und von dort aus werden die Langstrecken bedient damit man größere Flieger befüllen kann.

Beim Verteilen von LNG gibt es das schon und nennt sich Break Bulk. Eine große Ladung wird in etliche kleinere zerlegt und weiter verteilt. Als Erste machten das die Japaner, weil auf den Inseln ein Gaspipelinenetz nicht machbar war. Technisch ist das Einsammeln von LNG nicht sehr aufwendig und auch sehr gut ausgereift.

Im Prinzip gibt es einen guten Grund, warum das nicht auch umgekehrt funktionieren sollte. Ist zwar noch nicht geschehen, aber es steht dem ersten Male nichts im Wege. Ich erdachte das Konzept 2008 und nannte es kurzerhand Bulk Make. Mein damaliger Arbeitgeber OMV/EconGas interessierte sich allerdings nicht wirklich ernsthaft dafür, obwohl es die Lösung für ihre Probleme mit der Verlustposition GATE gewesen wäre. Na ja …

Warum der ganze Aufwand? Große LNG Verflüssigungsanlagen wie wir sie aus Katar oder Australien kennen, brauchen eine ganze Menge Gas um zu funktionieren und keine Gasfackel der Welt könnte diese Menge für sich allein bereitstellen. Es gibt nur wenige Felder die das können. Also wird oft Gas aus mehreren Felder gesammelt, um eine Verflüssigungsanlage zu bedienen. Das ist nicht einfach, weil verschiedene Flüsse stabilisiert werden müssen und auch teuer, weil ein sehr großes Pipelinenetz zum Auffangen gebaut werden muss.

Mittelgroße Verflüssigungsanlagen sind etwa 10 Mal kleiner als diese Monster und brauchen dementsprechend auch viel weniger Gas. Warum baut man dann so groß, wenn es nicht genug Felder gibt? Nun, um einen der wirklich großen LNG Tanker zu befüllen, muss man einen sehr großen LNG Tank voll LNG haben und diese Tanks sind sehr teuer. Je öfter man rein und raus mit dem LNG geht, desto eher rechnet sich das Investment. Bei kleinen Anlagen dauert es aber sehr lange bis der Tank endlich voll ist und deswegen wird er proportional teurer.

Besser kleine Anlagen mit kleineren Tanks von kleineren Schiffen anfahren die dann ihr LNG in den großen Hub liefern der wiederum mit einem großen Tank die großen Schiffe bedient. Und diesen Hub müsste man in Westafrika gar nicht mehr bauen. Drei LNG Verflüssiger sind in Subsahara Afrika derzeit in Betrieb, jeweils einer in Nigeria, einer in Äquatorialguinea und einer in Angola.

Die wären relativ einfach in Hubs umzufunktionieren.

Hey, Politiker sein ist schwer ...

Hey, Politiker sein ist schwer …

Aber man kann auch auf klassische Weise LNG dort produzieren. Die Regierungen in diesen Ländern würden sich über Lösungen zu ihren Gasfackel-Problemen freuen – und die EU hätte eine zuverlässige Quelle für Erdgas. Aus heutiger Sicht jedenfalls wesentlich verlässlicher als das Russengas.

Aber dazu müssten wir aufhören uns ständig mit Scheinlösungen zu beruhigen die allesamt nicht funktionieren und das tun was getan werden muss. Denn solche Projekte entwickeln sich nicht von selbst und wenn sich die europäischen Politiker nicht bald den Vorwurf gefallen lassen wollen, dass sie leichtfertig die Versorgungssicherheit Europas auf dem Altar der Untätigkeit geopfert haben, dann wird’s Zeit sich zu bewegen. Bis jetzt scheint die Erkenntnis, dass es schon zehn nach Zwölf ist, in den Gehirnen der europäischen Entscheider noch nicht angekommen zu sein.

Bald wird es kalt, aber das ist ja kein Problem – sind ohnehin nur die einfachen Leute die frieren. Oder?

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