Iranisches LNG für Europa zwischen Realismus und Traum

Schon seit meinen ersten Tagen im LNG Universum lebe ich mit der Möglichkeit eines großen LNG Projekts im Iran. Seit jeher gehört das Land zu den ganz großen Potentialen.

Aber seit 1972 – als das allererste iranische LNG Projekt konzipiert wurde – ist bislang kein einziger Tropfen LNG im Iran erzeugt worden. Kein anderes Land auf diesem Planeten hat es bei solch ungeheurem Potential geschafft, über Jahrzehnte hinaus kein reales Projekt zustande zu bringen.

In Europa diskutiert man derweil die möglichen Konsequenzen, die ein russischer Lieferstopp von Erdgas auf die europäische Energie-Architektur haben könnte. In der Konsequenz braucht Europa eine neue Energie-Partnerschaft oder besser ein ganzes Arsenal davon, da wir sicher nicht unsere Eier wieder nur in ein Nest legen wollen.

Die Schiefer-Gas- und Schiefer-Öl-Revolution in Nordamerika zwingt uns Europäern harte Realitäten zu den Themen Versorgungssicherheit und Energie-Unabhängigkeit auf. Auch wenn wir einen echten Willen hätten, Schiefer-Gas und Schiefer-Öl zu fördern, würde noch mindestens ein Jahrzehnt vergehen, bis eines dieser Projekte Realität würde.

Dieser Artikel wurde in @ EnerGlobe veröffentlicht.

Sicher ist: Wir brauchen eine breite Palette an Primär-Energiequellen, um unsere Versorgung zu sichern. Wenn dann einzelne Quellen Probleme aufwerfen, trifft es uns nicht so hart. Der Iran könnte deshalb ein wichtiger Stein in dieser neuen Energie-Architektur werden.

Aber ist Gas aus dem Iran überhaupt eine realistische Alternative zu russischem Gas? Vergleichen wir doch LNG aus dem Iran mit der derzeit so kontrovers diskutierten Turk-Stream-Pipeline von Gazprom.

Je nachdem welchen Pipeline-Strang man nimmt, legt das russische Gas von West-Sibirien bis zur Schwarzmeer-Küste rund 3.500 km zurück. Es sind ziemlich alte Pipelines, die zumindest 30 Jahre alt sind. Das bedeutet, weitgehende Modernisierungen bis hin zum Neubau ganzer Teilstücke werden notwendig, wenn man diese Pipelines noch deutlich länger nutzen will. Gegenwärtig mit harten finanziellen Problem belastet, wird das für die  Gazprom nicht sehr einfach – keine gute Basis für billiges Gas.

Billig ist anders ...

Billig ist anders …

Ein modernisiertes System müsste zusätzlich seine Errichtungskosten einspielen, anstatt allein auf eine abgeschriebene Infrastruktur setzen zu können. Im Ergebnis wären wir aber auch dann erst noch auf der russischen Seite des Schwarzen Meeres. Jetzt kommen noch fast 1000 km Stahl-Röhren auf sehr unwirtlichem und tiefem Meeresboden hinzu, um zum türkischen Teil des Balkans zu gelangen und noch immer liegen an die 1000 km und ein schwer berechenbares Sammelsurium an Ländern vor uns, bevor Mitteleuropäer russisches Erdgas über diese Linie nutzen können.

All diese Elemente mit definitiven Zahlen zu versehen, grenzt ans Unmögliche. Aber als “Faustregel” gilt ganz allgemein, dass Pipeline-Gas bei Entfernungen zwischen 2500 und 3500 km teurer wird als LNG. Das gilt allerdings nur für Pipelines über Land. Bei jenen am Meeresboden liegt das Limit eher bei 500 km – je nach Tiefe und Beschaffenheit des Meeresbodens. So gesehen ist russisches Gas schon lange vor Erreichen der eigenen Landesgrenze teuer als LNG. Dabei rechnen wir hier noch gar nicht mit den Kosten für die extra teuren Abschnitte am Meeresgrund und auch nicht mit den Kosten für die Länder, die sich den Transit “mit Cash versüßen” lassen.

Russland wird uns nicht glauben machen, dass sein Gas billig ist und bleibt, weil die Türkei gerade mit besonderen Rabatten geködert wird. Eines Tages müssen sie die Druzhba-Pipeline modernisieren und dann hat die Party ein Ende. Ob Russland dann überhaupt noch genug Gas übrig hat, diskutieren wir hier noch nicht einmal.

Iranisches LNG würde im Persischen Golf – etwa 5000 km von mitteleuropäischen Märkten entfernt – produziert werden. Einerseits hat uns Nabucco eindrucksvoll gezeigt, dass eine Pipeline auf dieser Strecke wirtschaftlich nicht überzeugen kann.

Andererseits liegt Katar so zu sagen “neben” dem Iran, produziert LNG und verdient (viel) Geld mit LNG-Ladungen nach Europa. Wenn Katar das kann, welchen Grund sollte es dann geben, dass der Iran das nicht könnte?

In der Vorstellung selbst vieler Experten, die nicht unmittelbar im LNG-Geschäft stehen, ist LNG sehr teuer und erzielt die besten Preise immer in Asien. Stimmt das aber wirklich? Machen wie einen kurzen Überschlag: Katar produziert LNG für etwa 1,5 USD/MMBtu. Schlagen wir noch einmal 1,5 USD/MMBtu an Transportkosten hinzu und 0,5 USD/MMBtu für die Re-Gasifizierung und wir haben Erdgas aus LNG zu 3,5 USD/MMBtu Gestehungskosten auf dem europäischen Markt. Das schafft die Turk-Stream-Pipeline niemals!

Soweit zu den technischen Kosten, mit denen der Marktpreis von LNG allerdings nicht wirklich etwas zu tun hat, denn der ist nichts anderes als das Resultat von Angebot und Nachfrage – auch der Ölpreis widerspiegelt nicht nur die Förderkosten.

Treiben wir es aber noch ein wenig weiter: Wenn LNG nicht so “wahnsinnig teuer” ist wie viele meinen – ist dann Pipeline-Gas wirklich billiger? Ist es das? Schauen wir uns dazu einmal Chile zu einer Zeit an, als alles Erdgas für Chile aus Pipelines kam – das meiste davon aus Argentinien. Es war niemals genug, also schossen die Preise durchs Dach.

LNG war dagegen wesentlich günstiger (und vor allem verlässlicher, wenn man die historisch nachweisbaren argentinischen”Launen” bedenkt) also wurden in Chile Terminals gebaut, um kostengünstigere Ressourcen zu nutzen. Problem gelöst!

Wenn in den vergangenen Jahren das meiste LNG nach Asien geliefert wurde, weil dort sehr hohe Preise bezahlt wurden, so scheint die Party jetzt allerdings vorbei zu sein. Das verändert die Situation, deshalb zurück zum Thema Iran.

2008 war ich Teilnehmer an LNG Verhandlungen mit dem Iran und bekam erstmals eine Kostprobe des bis heute andauernden echten Problems. Aufgrund der Sanktionen versuchte der Iran das Projekt dadurch weiter zu bringen, dass er alles, was er aus eigener Kraft errichten konnte, auch wirklich versuchte zu bauen. Damit versuchte sich der Iran an Vorhaben, die seine Kräfte überstiegen. Die ganze Situation verschlimmerte sich durch die gegenseitige Lähmung von Öl-Ministerium und Behörden auf der einen Seite und den Revolutions-Garden auf der anderen.

Es war insgesamt ein sehr mutiger Versuch, den Stillstand zu brechen – hat den Iran aber sehr viel Geld gekostet. Aber solange das zentrale Teil der Anlage fehlt – der Verflüssiger, der immer noch unter die Sanktionen fällt – bleibt das iranische LNG-Projekt eine Industrieruine. Können wir ihr im Fall einer Aufhebung der Sanktionen Leben einhauchen?

In diesem Fall geht es in erster Linie weder um Technologie noch um Geld!

So nicht Jungs, so nicht ...

So nicht Jungs, so nicht …

Es geht um Vertrauen! LNG Projekte brauchten im Grunde “nur” ein solides Übereinkommen zwischen Käufer und Verkäufer. Der Käufer muss sich darüber bewusst sein, dass er über seinen Schatten springen muss, um das Projekt zu realisieren. Der Verkäufer muss sich darüber bewusst sein, dass er ohne Projekt kein Geld verdient. Das LNG von heute ist das “Stranded Gas” der Vergangenheit.

Beide Seiten müssen einsehen dass Aufplustern, Spielen und Bluffen keine verwertbaren Ergebnisse bringt. Kein Projekt heißt: Nichts – und zwar für jeden.

Das ist der eigentliche Kern des Problems. Käufer glauben, dass sie dem Iran niemals trauen können und dass sie deswegen jedes Risiko in eisenharte Vertragsklauseln verpacken müssen, bevor sie mit realen Schritten beginnen. Dagegen muss Geld in die Hand genommen werden, noch bevor alles in vertraglichen Beton gegossen worden ist. Dafür braucht man ein Grundvertrauen zwischen den Parteien.

Umgekehrt denkt der Iran als LNG Verkäufer, er müsse den letzten Cent an Preis und Vertrags-Flexibilitäten aus dem Käufer herauspressen, um genau solche Geschäfte abschliessen zu können, wie sie manchmal in Katar abgeschlossen werden. Katar aber war in der Vergangenheit lange kein so schwieriger Verhandlungspartner, wie heute. Das Land ermöglichte den ersten Partnern für LNG-Projekte sehr entgegenkommende Verträge, die diese gar nicht ablehnen konnten.  Genau damit kamen die Projekte vom Fleck. Erst mit der Zeit wurden sie zu “den” schwierigen Kataris, die wir heute aus Verhandlungen kennen. Aber jetzt  produzieren die LNG-Trains, jetzt haben sie etwas mehr als nur Potential anzubieten und können sich diese Position leisten.

Als der Iran kürzlich für den kommenden September in London neue Vertragsformen für interessierte Öl- und Gasunternehmen ankündigte, haben die Verantwortlichen hoffentlich einiges vom Geist der Kooperation in diese Vertragsvorlagen geschrieben. Wenn es wie in der Vergangenheit wieder “Friss oder stirb!”-Verträge sind, werden die Käufer gerade in der gegenwärtigen Situation das “Der andere zuerst!”-Spiel spielen.

Iran hat sehr viel Potential, aber noch kein LNG, das es verkaufen kann. Es braucht solide Partner, um dahin zu gelangen, und diese Partner werden die bittere Pille schlucken müssen, das volle Entwicklungs-Risiko in die Hand zu nehmen, weil sonst gar nichts passiert. Das verlangt vom Iran sehr potente Angebote.

LNG aus dem Iran wäre eine sehr interessante Alternative für Europa, um sein Erdgas-Portfolio zu stärken. Dazu werden die Verantwortlichen im Sommer noch einmal die Köpfe rauchen lassen müssen, um einen Kompromiss zu finden, mit dem jeder leben kann. Aber das ist eine andere Geschichte.

Be the first to comment on "Iranisches LNG für Europa zwischen Realismus und Traum"

Leave a comment

Your email address will not be published.


*


Translate »
Skip to toolbar